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www.turfkoenig.de : Kommentar : Kommentar von Frank Henschker

Ein Kommentar zur Lage des Galopprennsports von Frank Henschker, gedacht als Anregung zur Diskussion. Haben Sie Ihre eigene Meinung zur Lage des Turfs? Schreiben Sie uns, wir werden die Beiträge sammeln.

Das Kardinalproblem des Rennsports

In der aktuellen problematischen Situation des deutschen Rennsports ist eine offene Diskussion ohne Tabus das Wichtigste. Meine Bewunderung gilt dabei Andreas Suborics, der ohne Rücksicht auf persönliche Nachteile in der BILD Tacheles geredet hat. Diesem Beispiel möchte ich nacheifern und sage deshalb: Auch ich bin ein Suborics! Tun Sie?s bitte auch. Dieser Beitrag soll Sie dazu ermuntern.
Die im deutschen Rennsport allenthalben erhobene Forderung ?besser vermarkten? ist zwar berechtigt, aber damit allein kann es doch nicht sein Bewenden haben. Wenn ein schwerkranker Patient lediglich ein fiebersenkendes Medikament bekommt, mag das kurzfristig helfen, doch ist der langfristige Schaden größer. Der deutsche Tennissport etwa hat unzweifelhaft vom Boom durch Boris Becker und Steffi Graf profitiert, doch nach dem Rücktritt der Beiden wurden die unveränderten strukturellen Schwächen der Verbandsorganisation erst richtig deutlich. Ähnlich verhält es sich mit dem Galopprennsport. Die Kritik allein auf die Rennvereine zu konzentrieren und die Rolle des Direktoriums zu ignorieren, ist doch zu billig. Jede Schwäche bei der Führung eines Rennvereins kann sich nur regional auswirken, während das Direktorium für das Gesamtwohl zuständig ist.

Direktorium, das unbekannte Wesen

Das Direktorium wird von einem 15-köpfigen Vorstand geleitet, von Galopp Intern einmal als die ?Kardinäle? bezeichnet. Wenn man sich vor Augen hält, dass diese 15 großteils bei ihren eigenen rennsportlichen Unternehmungen ausgesprochene Erfolgstypen sind, dann erscheint das kollektive Versagen im Dachverband umso unverständlicher. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass dieser Zustand schon lange vor der jetzigen personellen Zusammensetzung gleichermaßen festzustellen war, dann wird klar, dass es in erster Linie ein Problem der Strukturen ist. Die Strukturen können aber nur geändert werden, wenn an der Spitze ein Mensch steht, der visionär und tatkräftig zugleich eine Umstrukturierung betreibt. Jedes Unternehmen steht und fällt nun einmal mit dem Individuum an der Spitze. Da sind wir schon beim entscheidenden Punkt.
Das Kardinalproblem: Leadership

Der deutsche Galopprennsport hat seit ewigen Zeiten niemanden an der Spitze gehabt, der eine überzeugende Vorstellung davon präsentieren konnte, wie seiner Meinung nach der Rennsport in 20 Jahren ausschauen sollte. Ohne klare Zielvorstellung ging es als Folge davon seit Jahrzehnten immer weiter abwärts. Franz-Günther von Gaertner als ein honoriger Mann des Ausgleichs sagte etwa in seiner Derby-Rede "Natürlich sind die Rennvereine gemeinnützig, was sollen sie denn sonst sein?" Dieser Mangel an Reflektionsfähigkeit und Innovationskraft stellt die eigentliche Ursache für den Niedergang des Turfs dar: der Rennsport hat ein dramatisches Leadership-Problem. Durch die Kapitänsbinde wird noch niemand zum Führungsspieler. Nein, der Leitwolf muss sich seine Stellung im Rudel durch fachliche und menschliche Kompetenz erarbeiten und ständig neu behaupten.
Dem gegenwärtigen Präsidenten Jochen Borchert kann man die Probleme am allerwenigsten ankreiden. In einer ganz schwierigen Situation für den Galoppsport hat er sich bereit erklärt, den Vorsitz zu übernehmen. Als hochrangiger Politiker ist er für den Turf wichtig, denn jede Strukturreform setzt ein intensives Zusammenwirken mit der Politik voraus. In einer Funktion als Cheflobbyist ist Jochen Borchert Gold wert, als Präsident wird von ihm aber etwas verlangt, was er als Branchenfremder nur schwer leisten kann. Dass er nun dergestalt verheizt wird, hat er auch menschlich nicht verdient.
Eines allerdings muss sich auch Jochen Borchert sagen lassen: Branchenfremdheit ist kein Freibrief für Untätigkeit. Ein positives Gegenbeispiel in dieser Hinsicht liefert der neue Präsident des italienischen Dachverbandes, der Anwalt Riccardo Andriani. Obwohl ohne Stallgeruch, hat er bereits konzeptionell Neues auf den Weg gebracht und einige Duftmarken gesetzt.
Im Interesse des Rennsports sollte schleunigst ein Wechsel auf dem Chefsessel des Direktoriums stattfinden. Ob einer von den 14 anderen Kardinälen geeignet ist? Wer weiß. Bevor irgend jemand zum Häuptling gekürt wird, sollte er zuvor eine Art Regierungsprogramm vorlegen müssen, damit nicht die Katze im Sack gekauft wird.
Die Nagelprobe für Borchert

Wie Daniel Delius in der Sport-Welt zu Recht gefordert hat, war bei der Aufarbeitung der Unregelmäßigkeiten in der Causa Wuppertal der Präses gefordert. Hat Jochen Borchert sein Glaubwürdigkeits-Abitur bestanden? Mit der gefundenen turftypischen Lösung, alles unter den Teppich zu kehren, wohl kaum. Nun ist er zu einer "lame duck presidency" verurteilt - kein Mensch wird ihn jetzt noch ernst nehmen. Der hilflose Präsident Borchert hat sich leider der fragwürdigen Politik des Duos Ellerbracke/Leisten gebeugt. Erstaunlich ist lediglich, dass sich auch Mitglieder wie Dr. Andreas Jacobs oder Georg Baron von Ullmann diesem Risiko für ihren guten Namen ausgesetzt haben. Letzte Ausfahrt Weidenpesch.
Kompetenz statt Proporz

15 Personen im Board of Directors - das ist eine stolze Zahl. Weniger wäre wohl mehr. Nach der aktuellen Rennordnung werden die Mitglieder nach Proporz ausgewählt, um alle Fraktionen des Rennsports zu berücksichtigen. Sinnvoller wäre es, zunächst den Inhalt der zu bewältigenden Aufgaben zu definieren und anschließend die nach Eignung besten Personen dafür auszuwählen. Auch wenn sie überhaupt keinem Lager zugehören. Dem Präsidenten sollte ein weitreichender Spielraum verbleiben, seine Regierungsmannschaft zusammen zu stellen.
Was kann Leisten leisten?

Vom Chef des Dachverbands kann man die entscheidenden Impulse erwarten, nicht jedoch die Sanierung des Rennsports im Alleingang. Den alleinigen Heilsbringer wird es nicht geben, sondern nur Erfolg durch Teamwork. Im Gegensatz zu Vorständen von Unternehmen und Regierungen gibt es im Direktorium keine feste Ressortverteilung für alle 15 Mitglieder. Wenn es aber keine fest definierten Zuständigkeiten gibt, gibt es auch keine Ergebnisverantwortung. Ein wesentlicher Grund dafür, dass das Wirken des Direktoriums trotz fähiger Individuen im Kollektiv exemplarisch ineffizient ist. Die Forderung muss demnach lauten: Feste Ressortverteilung sofort. Hic Rhodos, hic salta! Der neue Chef mit Führungsqualität muss seinen Mitarbeitern klar machen: "So, Leute, jetzt ist Tango!" Wer dann keine positive Leistungsbilanz vorlegen kann, muss vom Chef ganz schnell ausgewechselt werden.

Mix it, Baby!

Apropos Mannschaft: Moderne Unternehmen achten auf ein ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern in den Entscheidungsgremien nicht aus Quotengründen, sondern weil es für die Unternehmensführung wesentlich ist. Die unterschiedliche Art der Entscheidungsfindung von Frauen und Männern beruht im wesentlichen auf dem verschiedenen Einsatz der beiden Gehirnhälften. Erst das Zusammenwirken von Frauen und Männern beim Entscheidungsprozess kann darum eine ganzheitliche Sicht der Dinge garantieren. Dass das Direktorium in seiner Geschichte so viele gloriose Fehlentscheidungen getroffen hat, hängt ganz sicher mit der unausgewogenen Zusammensetzung seines Vorstands zusammen. Auch wenn diese simple psychologische Erkenntnis einigen der Kardinäle wie böhmische Dörfer vorkommen mag.
Personal

Wenn es an der Unternehmensspitze im Vorstand nicht stimmt, kann der Geschäftsführer heißen, wie er will. Ein reformwilliger Vorgänger des Manns von der Hamburg-Mannheimer wurde mal von der Betonfraktion im Vorstand ausgebremst und nach Fernost vertrieben. Dennoch muss man sich auch mit dem hauptamtlichen Personal des Direktoriums beschäftigen. Dieses ist als Angestellte im öffentlichen Dienst tätig. Leistungsanreize sind diesem System fremd. Der Rennsport braucht aber hochmotivierte Krieger, um im hartumkämpften Freizeitmarkt zu bestehen. Die Deutsche Telekom hat selbst nach der Privatisierung Probleme, mit Wettbewerbern wie Arcor mitzuhalten. Wie hätte sie es da als gelbe Beamtenpost schaffen sollen!
Es geht darum, den guten und fleißigen Direktoriumsangestellten eine inhaltliche wie finanzielle Perspektive zu bieten, und gleichzeitig müssen die faulen Äpfel schnellstmöglich aussortiert werden. Gegenwärtig ist nichts davon möglich. Dass Frau Dr. Rauch freiwillig ihren atombombensicheren Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst aufgegeben hat, müsste doch auch die Kardinäle nachdenklich machen. Der Fairness halber muss angemerkt werden, dass einige der Hauptamtlichen des DVR durchaus pragmatisch denken und die Rennordnung schon mal Rennordnung sein lassen, wenn es sonst zu weltfremd würde. Letzten Endes müssen die Hauptamtlichen aber mit den Paragraphen leben, die ihnen der Vorstand eingebrockt hat.
Wirtschaftsunternehmen betreiben heutzutage aktives Personalmarketing, um sich beim Wettstreit um die besten Köpfe die Elite zu sichern. Wenn es einmal andere Strukturen im Rennsport mit einer kompetenten Führung gibt, wird sich ganz schnell herausstellen, wieviele hochtalentierte junge Leute es im Rennsport doch gibt.
Das Problem - die Zielgruppe!

Das Problem des Pferderennsports besteht aus seinen Kunden - sie sind die Falschen! Nach den Ergebnissen der Marktforschung gilt dies für die Traber sogar noch mehr als für die Galopper. Die Münchner Trabrennbahn hat einmal durch ein Institut herausfinden lassen, dass der typische Daglfing-Besucher alte Männer aus der Unter- und Mittelschicht sind. Beim Galopprennsport schaut es nach bundesweiten Untersuchungen nicht viel besser aus, nur der Adligen-Mythos hilft etwas. Die Zielgruppe des Pferderennsports sind leider die Globalisierungsverlierer. Während am Top End der Verdiener die gesuchten Spezialisten ein immer höheres Einkommen erwarten können, ist es bei den Kunden des Pferderennsports am unteren Ende genau umgekehrt. Da wartet eine Herkules-Aufgabe auf den Turf.
Besser vermarkten!

Die Aufforderung, dass der Rennsport nur besser vermarktet werden müsse, wird zur bloßen Worthülse, wenn man sich das Verhalten des Direktoriums anschaut. Da wird den Kunden zu den neuen Euro-Mindesteinsätzen ein dürrer Zehnzeiler in der Fachpresse als kaiserliches Dekret vorgesetzt. Kein Dialog mit den Kunden, keine Berücksichtigung von Verbraucherwünschen. Da von den Rennvereinen "besser vermarkten" zu fordern, ist wirklich blanker Hohn. Erforderlich ist vielmehr eine engagierte PR-Arbeit des Direktoriums. Die kann damit anfangen, dass sich auch Vorstandsmitglieder regelmäßig beim Chat und Diskussionsforum mit dem Verbraucher im Internet beschäftigen. Unternehmen würden viel Geld bezahlen, wenn sie ihre Verbraucher so auf dem silbernen Tablett präsentiert bekämen wie der Rennsport seine Leute im Internet.
Die wahren Stars

Ich erinnere mich, wie auf der Düsseldorfer Rennbahn mal einige junge Mädchen ohne Programmheft von mir wissen wollten: "Reitet Andrasch Starke im nächsten Rennen mit, und welche Programm-Nummer hat er?" Die Frage lautete nicht etwa: "Hat Herr Ellerbracke einen Starter im kommenden Rennen?" Wie die Idee, ausgerechnet die Besitzer zu publikumswirksamen Stars aufzubauen, ein Gremium wie die Besitzervereinigung unbeschadet passieren konnte, wird das Geheimnis dieser Gruppierung bleiben.
Interessenkollision

Im Rennsport scheint nur der akzeptiert zu werden, der mindestens drei verschiedene Ämter innehat. Egal, ob tatsächlich eine Interessenkollision vorliegt oder nicht - in den Augen der Öffentlichkeit bleibt ein "G?schmäckle". Der Hamburger Multifunktionär Hans-Ludolf Matthiessen stand unter harter Kritik seiner bayerischen Traberkollegen, weil er als Koordinator der TV-Bilder seine eigene Hamburger Rennbahn zulasten der bayerischen Trabrennbahnen bevorteilt haben soll. Unabhängig davon, ob die Kritik berechtigt ist oder nicht: Der Name Matthiessen steht im Trabersport für Filzokratie. Eingebrockt hat er sich das selbst. Bei den Galoppern gibt es ebenfalls genug Beispiele. Zum Vergleich: Kann etwa der Vorstandsvorsitzende der Allianz-Versicherung gleichzeitig eine führende Rolle im Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen spielen? Im Rennsport eher die Regel als die Ausnahme. Da muss es klare Vorschriften in der Rennordnung geben, die das verhindern.
Subventionitis

Als eine der ersten Maßnahmen muss eine Überprüfung der sozialistischen Verteilpolitik des Weidenpescher VEB Vollblutrennbahnen erfolgen. Wer sich beispielsweise mit den Hintergründen der Leipziger Personalpolitik befasst, wird kaum gutheißen können, wenn diese Förderung von Partikularinteressen auch noch mit finanziellen Mitteln anderer Rennvereine unterstützt wird.
Schluss mit der Willkür

Mit dem Verbot des Auslandstrainings im Winter gegenüber den Trainern und der Untersagung von Reithosenwerbung gegenüber den Jockeys werden den Aktiven ohne triftigen Grund wichtige Einnahmequellen genommen. Dinge, die in anderen Ländern ohne weiteres gestattet sind. Andererseits werden bei den Auslandseinsätzen Praktiken geduldet oder sogar gefördert, die den selbstgesetzten Vorgaben nicht entsprechen. Wenn das Direktorium in nicht nachvollziehbarer Weise den Interessen der Aktiven, die es eigentlich vertreten soll, zuwiderhandelt, müsste sich das zuständige Ministerium einmal Gedanken machen, ob staatliche Macht weiterhin an diesen eingetragenen Verein delegiert werden kann.
Das Gesetz des Handelns

Die Vorbereitung einer gemeinsamen norddeutschen Rennsportgesellschaft zeigt, dass dem Direktorium das Gesetz des Handelns immer mehr entgleitet. Eigentlich müsste ja das zentrale Management eine derartige Maßnahme nach Koordination mit allen Beteiligten bewusst vorantreiben. Stattdessen wird das DVR von einigen Rennvereinen bereits rechts überholt. Ähnlich verhielt es sich im Fußball, wo die Bundesliga auch genug vom verschnarchten Dachverband hatte und zunächst dort ihre eigene Zelle gründete, die nun aber den Verbandschef mehr und mehr zum Frühstücksdirektor degradiert. Nur: im Rennsport gibt es dann überhaupt keine zentrale Management Unit mehr. Anarchie pur. Nachdem das Direktorium mit seiner Ein-Mann-Marketing-GmbH gescheitert ist, erklärt es nun: Für Marketing sind wir gar nicht zuständig, das macht die BGG (der Zusammenschluss der Rennvereine)! Die BGG ist aber (noch) ein bloßer Name ohne Infrastruktur. Noch. Wenn es so weiter geht, wird sich auch da etwas verselbständigen.
Internationale Isolation

Die konzeptionellen Schwächen auf nationaler Ebene wirken sich auch unangenehm auf internationalem Parkett aus. In der European Association of Racing Schools, in der die führenden Rennsportländer seit Jahren im Bereich Ausbildung zusammenarbeiten, ist das Direktorium allenfalls mal durch Privatleute als Beobachter vertreten. Und von der internationalen Rennsportkonferenz in Paris war in der deutschen Rennsport-Öffentlichkeit überhaupt nichts zu hören. Aufgabe der neuen Führung des Dachverbands wird es sein, sich mit eigenen Ideen in der internationalen Turf-Gemeinschaft zurück zu melden.
Querverbindungen

Hinter den Kulissen des deutschen Turfs gärt es gewaltig, und es werden sich schon Gedanken über die ""Phase danach" gemacht. Franz-Günther von Gaertner als Inbegriff der Betonfraktion hat noch rechtzeitig den Absprung geschafft. Damit es substanziell vorangeht, wird es nicht reichen, wenn der neue Teamchef die Herren Ellerbracke und Leisten im Dachverband vom Spielfeld holt, sondern Gleiches muss auch für die Besitzervereinigung gelten, weil sonst von dort den Reformkräften immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen würden. Genau das ist eines der Probleme im Trabrennsport, wo die alten Seilschaften auch nach der Machtablösung noch Obstruktionspolitik betreiben. Ich finde, man sollte den Herren Ellerbracke und Leisten einen würdigen Abschied aus dem Funktionärsstand ermöglichen. Wenn sie anders als ihr Hamburger Kollege die Zeichen der Zeit nicht erkennen, werden sie sonst irgendwann von ihren eigenen Leuten an den Marterpfahl gestellt.
Sich einbringen

Der Dachverband ist aber lediglich ein Spiegelbild der Gruppierungen, die ihn tragen: Rennvereine, Besitzer und Trainer. Wenn von deren Seite keine inhaltlichen Impulse kommen, kann niemand von ihnen erwarten, dass der Dachverband auch nur eine Spur besser sein soll. Wenn auf der Sitzung der Besitzervereinigung die Verlosung der Freisprünge wichtiger ist als eine knallharte inhaltliche Bestandsaufnahme, dann haben es die Besitzer auch verdient, wenn der Rennsport den Bach runter geht. Am Ende wird der Rennsport genau die Entwicklung nehmen, die nach dem Verhalten aller Beteiligten die logische Folge ist. Dass Andreas Suborics als Erster jetzt das Risiko auf sich genommen hat, sich unbeliebt zu machen, ist ihm hoch anzurechnen; noch wirkungsvoller wäre ein Auftreten im Kollektiv, etwa als Gruppe der deutschen Top Ten-Jockeys oder mit dem Trainer- und Jockeyverband als Institution. Gleiches gilt für die Rennvereine und Besitzer.
Die Rolle der Presse

Die einzigen Stimmen fremder Galaxien, die auf dem Planet Weidenpesch noch vernommen werden, sind diejenigen von Sport-Welt und Galopp Intern. Deshalb kommt diesen beiden Publikationen auch eine Schlüsselstellung im Überlebenskampf des deutschen Rennsports zu. Daniel Delius und Klaus Göntzsche können die notwendigen Reformen zwar nicht herbeischreiben, aber sie können mit deutlichen Kommentaren zumindest die lethargische Masse wachrütteln, damit diese endlich Druck auf die Führungsriege ausübt.
Die Strukturen verändern

Die neue Führung der Dachorganisation, wann immer sie auch tätig werden wird, wird eine Struktur weg von der Gemeinnützigkeit und hin zu mehr marktwirtschaftlicher Orientierung suchen müssen. Die notwendigen steuerrechtlichen Grundlagen im Zusammenwirken mit der Politik zu legen, wird vielleicht zehn Jahre in Anspruch nehmen. Effizientes politisches Lobbying ist eben eine Langfrist-Aufgabe. Aber wenn seit dem zweiten Weltkrieg der Rennsport quasi führungslos vor sich hindümpelt, kann man diese konzeptionellen Versäumnisse nicht in ein paar Monaten korrigieren.
Ausblick

Die Studie einer Unternehmensberatung, die sich mit der Lage der Sportverbände befasst, kommt zu dem Ergebnis, dass der Reformstau in den meisten Verbänden den Handlungsdruck hat so groß werden lassen, dass sich fast alles radikal und in kürzester Zeit verändern wird. Ein ähnliches Szenario ist auch im Galopprennsport wahrscheinlich. Was passiert, wenn die Aussitzer mit der Politik der gaanz ruhigen Hand weitermachen? Die Sport-Welt ist am Ende, Klaus Göntzsche gibt "Handball Intern" heraus, Bruno Faust züchtet Orchideen, und Christian von der Recke trainiert in Chantilly. Muss es wirklich erst so weit kommen? Die Kardinäle werden dann wie die Traberkollegen als die Totengräber des deutschen Rennsports in die Geschichtsbücher eingehen. Eine menschliche Tragödie für solche, die eigentlich nur das Beste wollten. Aber wer zu spät kommt oder geht, den bestraft das Leben. Noch ist Zeit zum Handeln.

Frank Henschker

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Letzte Änderung: 03.03.2002
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